Wird die Full-Service-Agentur abgelöst?

Wie sieht sie aus, die Zukunft der Agenturen? Während sich einige noch an der Frage „Spezialisierung vs. Full-Service“ die Zähne ausbeißen, ist für andere New Work zur Kernaufgabe geworden und bestimmt den Agenturalltag. Im Gespräch mit zahlreichen Agenturen haben wir viele Meinungen gehört – über die steigende oder fallende Relevanz der Zeiterfassung ebenso, wie über den vielfältigen Einfluss der Digitalisierung.

Die Kernaussagen zu den wichtigsten Themen haben wir heute für euch zusammengefasst – zum Nachlesen und Mitdiskutieren.

 

Der Klassiker gleich zu Beginn: Full-Service vs. Spezialisierung. Stirbt die Agentur, die alles kann, aus?

“Das ist und bleibt eine ganz klare Frage, was ich als Agentur eigentlich will. Wenn ich mich jetzt absolut spitz spezialisiere und mich darin konsequent ausbaue, werde ich sicher auch nur das tun und habe eine größere Chance, das auch als dauerhafter Dienstleister zu betreiben. Allerdings bin ich dann natürlich auch in meiner Spezialisierung gefangen. Wenn ich mit einer ganz konkreten Dienstleistung auf Akquise gehe, dann stecken mich – insbesondere die großen Marken – auch nur in ganz genau diese eine Ecke. Ich werde dann gar nicht in die Verlegenheit kommen, darüber hinaus noch andere Leistungen anzubieten. Ich denke daher schon, dass die Spezialisierung bei Agenturen immer stärker werden wird. Diese Bauchladenagenturen werden es schwer haben in vielen Bereichen.“ Marco Pe, Gründer und Geschäftsführer von activetraffic

„Die Agenturerfahrung unseres Teams sagt uns allerdings, dass Full Service-Agenturen nicht aussterben werden, sich aber stärker in der ganzheitlichen Beratung ausrichten werden müssen, während sich Spezialagenturen noch weiter in vor allem kreativen oder technischen Nischen spezialisieren werden.“ Stefanie Langner, Gründerin von Leankoala

 

„Der Umfang an Liniengeschäft ist kleiner geworden, dafür aber qualitativer. Wir halten als Agentur nicht mehr die komplette Auftragspalette des Kunden, die Aufträge haben aber teils mehr Umfang. Dadurch steigt aber wiederum die Beratungsleistung erheblich an, der Kunde fragt sich: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Wir beraten 100 Prozent mehr strategisch! Die Kunden in ihrem eigenen Change zu begleiten, ist ein aktuelles Thema. Das gilt nicht nur für die Entwicklung von neuen Hörspielen, wir machen das mittlerweile auch in ganz anderen Branchen. Und da beraten wir in unserer Spezialisierung: Wie machen wir uns gesamtheitlich fit in der Ansprache von Kindern und Familien?“ Rolf Kosakowski, Geschäftsführer bei KB&B – The Kids Group!

 

„Also Full Service-Agenturen, die gibt es ja schon nicht mehr seitdem Media rausgenommen worden ist, das muss man mal ganz ehrlich sagen. Full Service-Agentur war eine Kreativ- und Media-Agentur und das gibt es ja schon ewig nicht mehr.

Ansonsten bin ich der Meinung, dass gute Kreativagenturen immer ganzheitliche Agenturen sind. Du kommst immer von einer Idee, du kommst immer von der Frage: Was will ich denn relevantes über die Marke sagen? Zu wem möchte ich das sagen? Wo finde ich den Adressaten? Wie connecte ich mit ihm? Und diese Offenheit in den Fragen, das ist alles, was es ist. Es macht überhaupt keinen Sinn immer über diese Spezialisierungen nachzudenken. Wir brauchen jetzt unbedingt eine Augmented Reality-Fachagentur. Wir brauchen jetzt unbedingt jemanden, der nur in Oculus Rift Brillen wirbt – Das brauchen wir nicht! Wir brauchen Fachleute, die sehr, sehr spezifizierte Dinge auf die Straße bringen, das ist richtig. Aber die Wahrheit ist immer noch: Wir brauchen die Geschichte. Ich muss wissen, welche Geschichte möchte ich erzählen und wem ich sie erzähle. Und der Rest sind Details. Und das wird weiterhin die Zukunft sein.“ Stefan Schmidt, Mitgründer der Agentur DieckertSchmidt

 

New Work ist in aller Munde – Wie werden neue Arbeitsmodelle in eurer Agentur umgesetzt?

„Grundsätzlich arbeiten meine Kollegen bis ein Uhr, ja genau. Und das ist auch der Wunsch bzw. der Plan, da ich an das Konzept (den 5 Stunden-Tag) glaube und in den letzten acht bis neun Monaten gelernt habe, dass der Output von der Quantität der gleiche ist und von der Qualität eher sogar noch mehr. Ich habe ein Team, das hochmotiviert ist, das ausgeruht ist und zufrieden einen Job machen kann, für den man brennt. Da kommt es dann durchaus auch mal vor, dass man sich in seiner Freizeit weiterbildet oder eine geile Idee hat, wenn man grad beim Sport ist, im Wald oder sonst wo…“ Lasse Rheingans, Rheingans Digital Enabler

„Dass wirklich acht Stunden am Stück produktiv gearbeitet wird ist eine ziemlich hartnäckige Fehleinschätzung in den meisten Büros. Unser flexibles Modell erlaubt eben dann zu arbeiten, wenn man produktiv sein kann und nicht, wenn vertraglich bestimmte Arbeits- und Anwesenheitszeit angesagt ist.“ Steffie Langner von Leankoala im Teaminterview

 

„Wenn man flexibel arbeitet, gibt es keinen Grund am Schreibtisch kleben zu bleiben, um Stunden voll zu machen. Mein Alltag ist davon bestimmt, belastbare WLANs und Arbeitsumgebungen in Form von Co-Working Spaces oder Cafés zu finden. Diesen Aufwand habe ich auch zu Beginn unterschätzt, man geht eben nicht jeden Tag in sein gewohntes Büro und braucht etwas länger bis man tatsächlich produktiv ist. Dafür lernt man auch neue Orte und Leute kennen und kann die Freizeit nicht nur für’s Fitnessstudio, sondern für’s Reisen nutzen. Und einige Klischees stimmen tatsächlich, ich sitze oft im Strandoutfit oder Schlafanzug vor dem Rechner oder gehe nach Terminen mit Hamburg erst einmal im Meer schwimmen oder in einer neuen Stadt frühstücken, das ist für mich schon purer Luxus. Insgesamt verbringen dezentrale Teams deutlich mehr Zeit am Rechner und weniger in Meetings, das hat sicherlich wie alles Vor- und Nachteile.“ Martina von Leankoala im Teaminterview

 

„Unsere Team-Mitglieder wohnen z. B. in Rosenheim, im Saarland, in Halle oder ganz weit im Norden – die Anreisezeit wäre einfach zu weit. Fast die Hälfte des Teams wohnt aber in Hannover und kommt gern in unser Büro dort. Es steht aber auch dort jedem frei, bei Bedarf auch mal woanders zu arbeiten. Ein Mitarbeiter in Hannover hat z. B. den letzten Winter in Kapstadt verbracht und von dort gearbeitet. Andere arbeiten im Home-Office, wenn Handwerker im Haus sind, oder man kommt mal erst mittags rein, wenn man vormittags nur Meetings per Videokonferenz hat. Das ganze Team trifft sich auf verschiedenen Konferenzen mehrmals im Jahr.“ Anja Schirwinski, Geschäftsführerin undpaul

 

Spielt Zeiterfassung in Agenturen nach wie vor eine große Rolle?

„Definitiv ist das Thema Zeiterfassung eines der ganz großen Themen, das wir auch früher gar nicht hatten. Daraus sind bei uns viele Erkenntnisse entstanden. Wir haben z.B. endlich verstanden, dass es eine riesen Diskrepanz gab und teilweise immer noch gibt zwischen dem, was Kunden zahlen und was sie von uns an Leistung bekommen. Leider orientiert sich das oft immer noch daran, wieviel Druck die Kunden aufbauen. Das ist ja ein offenes Agenturgeheimnis. Wir hatten Kunden, die vielleicht 5.000 Euro im Monat gezahlt und dafür auch eine super Leistung bekommen haben. In Relation dazu gesehen haben sie allerdings recht geringen Aufwand bei uns produziert – trotzdem war der Kunde hoch zufrieden. Dann gibt es Kunden, die zahlen 500 oder 1.000 Euro im Monat und machen maximalen Stress in der Agentur. Und das haben wir auf einmal sichtbar gemacht mit der Zeiterfassung.“ Marco Pe, Gründer und Geschäftsführer von activetraffic

„Wir erfassen schon Zeiten auf Tickets, aber die Wichtigkeit davon hat sich definitiv nicht geändert. Ich will auch nicht die Komplexität erhöhen an bestimmten Stellen, die dann noch mehr Zeit frisst. Die will ich lieber in meine kreative Arbeit stecken.“ Lasse Rheingans, Rheingans Digital Enabler

 

„Als Startup, das Pragmatismus und Vertrauen zum obersten Organisationsprinzip erhoben hat, erfassen wir unsere Arbeitszeiten nicht. Jedes Teammitglied teilt sich seine Zeiten und Ressourcen selbst ein und wir besprechen im Team, wie viel wir in unseren Sprints schaffen können. Wir sind als erfahrenes und selbstorganisiertes Team sicherlich nicht vergleichbar mit Agenturen und auch wir lernen täglich an unseren Herausforderungen. In Agenturen ist das Thema Profitabilität von Projekten überlebenswichtig und dazu gehört auch die Erfassung von Zeiten. Aber es gibt wahrscheinlich weder in Konzernen noch in Agenturen Mitarbeiter, die nicht beim Wort Zeiterfassung mit den Augen rollen und in Schimpftiraden verfallen.“ Stefanie Langner, Gründerin von Leankoala

 

„Wir erfassen alles und das möglichst granular, um auch gut auswerten zu können. Das meiste müssen wir ja auch unseren Kunden in Rechnung stellen, und die wollen auch wissen, was genau gemacht wurde. Wir haben eine Verknüpfung von unserem Timetracking-Tool Toggl zu unserem Ticket-Tool, sodass wir pro Aufgabe sehen können, wie lange sie gedauert hat. Das ist extrem aufschlussreich und teilweise auch erschreckend – das kennt sicher jede Agentur.“ Anja Schirwinski, Geschäftsführerin undpaul

 

„Es ist aufwändig und nervig für die Mitarbeiter, deshalb ist unser Workflow so schlank, wie irgend möglich. Ohne geht es aber nicht, wenn man 500 Einzelprojekte hat, damit nichts vergessen und auch alles abgerechnet wird, dazu sehe ich aktuell keine Alternative. Für eine Jahresbetrachtung ist für mich interessant, ob die geplanten abrechenbaren Stunden in etwa mit den tatsächlich abgerechneten Stunden in etwa übereinstimmen. Für die Mitarbeiter ist es eine Orientierung, ob im Angebot 3 Tage Arbeit vorgesehen sind oder 3 Stunden. Von daher steuert die Software die Einschätzung der Arbeit pro Mitarbeiter in Richtung Effektivität. Weiterhin nutze ich die tatsächliche Stundenerfassung für neue Angebote, damit diese realistisch angeboten werden.“ Jacqueline Heimgärtner, Leiterin creativconcept

 

Was sind die wichtigsten Agentur-Themen der nächsten fünf, zehn oder gar 15 Jahre?

„Also als besonders agil ausgerichtetes Produkt und Unternehmen stellen wir solche Prognosen ja kaum noch an, das sind doch Management-Relikte aus dem letzten Jahrzehnt, wenn nicht sogar Jahrtausend. Unserer Meinung nach werden aber Themen wie Automatisierung, Transparenz und Kreativität an Bedeutung gewinnen. Welche Prozesse kann ich bestmöglich automatisieren und wie investiere ich die dadurch frei werdenden Ressourcen in meine eigene Zukunftsfähigkeit? Wie kann ich sowohl intern als auch mit den Kunden die neuen Möglichkeiten als auch Anforderungen an Transparenz für eine neue Form der Zusammenarbeit in der Agentur nutzen? Und wie kann ich die Wertschöpfung und Wertschätzung durch Kreativität – aber auch Beratung – im Zeitalter von AI, Bots und Content Überfluss aufrecht erhalten oder neu definieren?“ Stefanie Langner, Gründerin von Leankoala

 

„Was passiert überall: Die Vergleichbarkeit der Arbeit steigt massiv. Man wird generische Leistung, ein Artwork oder ein Logo mit ein bisschen Personality überall einkaufen können, die Welt wird kleiner und fokussierter – und das ist kein Geschäftsmodell mehr. Jetzt kommen wir zu der eigentlichen Arbeit und Qualität, denn ein weiteres großes Thema ist Glaubwürdigkeit: Wir bei KB&B stellen uns und unsere eigene Arbeit immer in Frage. Dazu haben wir schon vor Jahren eine eigene Marktforschung ins Leben gerufen – Die Agenturkinder (FACT). Kommunikation für Kinder und Familien folgt einer sehr speziellen Ansprache. Agenturen sollten ihre Leistungen eben ständig in Frage stellen und zu den klassischen Leistungen auch immer mehr eigene Produkte rausbringen! Da braucht man Partner und Informationen über den eigenen Markt. Und ich bleibe dabei: Ich kann keinem Kunden versprechen, dass unsere Maßnahme im Einzelnen immer den gewünschten Erfolg bringt, aber ich kann sagen, dass die Summe der Maßnahmen und Erfahrungen in die richtige Richtung geht.“ Rolf Kosakowski, Geschäftsführer bei KB&B – The Kids Group!

 

„Auch in Deutschland werden mehr und mehr Marken für etwas stehen. Die Art und Weise, wie wir uns heute medial austauschen, also die höhere Geschwindigkeit, die höherer Transparenz, dieses mehr auf Augenhöhe, dieses mehr Interaktive oder der mögliche Dialog werden dazu führen, dass es weniger kontrollierte, die dunklen Seiten ausblendende Kommunikation geben wird. Sondern die Marken werden alle verstehen, dass sie Teilnehmer, wie ein Corporate Citizen, einer Gemeinschaft sind und deshalb offen und ehrlich Rede und Antwort stehen und Einblick gebend teilnehmen. Sie sind nicht irgendwelche Mächte auf einem Elfenbeinturm, die einmal aussenden, welche Ware man jetzt von ihnen in den nächsten Wochen kaufen soll. Das wird nicht mehr reichen. Da ist Amerika schon sehr viel weiter und das wird auch sehr viel stärker bei uns eintreten. Also es wird mehr und mehr Arbeit von Marken geben, in denen Marken uns sagen woran sie glauben, was sie wertvoll finden, welche Stellung sie einnehmen in der Gemeinschaft und zu politischen und gesellschaftlichen Themen.“ Stefan Schmidt, Mitgründer der Agentur DieckertSchmidt

 

Wie beeinflusst die Digitalisierung das Agenturgeschäft?

„Wir haben eigentlich grundlegend unsere Einstellung verändert. Damals hatten wir einfach ein Portfolio an Leistungen, das wir offerieren und auch so auf unsere Website geschrieben haben etc. Der Kunde braucht SEO? Können wir. Relaunch? Haben wir auch im Angebot. Davon sind wir etwas weggekommen. Wir haben festgestellt, dass wir eine Agentur sein wollen und müssen, die eher einen digitalen Prozess begleitet.  Daher fragen wir unsere Kunden jetzt erst einmal: Wo steht ihr eigentlich gerade? und Was ist euer aktuelles Problem in Sachen Digitalisierung?.“ Marco Pe, Gründer und Geschäftsführer von activetraffic

 

„Wir begleiten strategisch und gehen den Weg hin zum Change mit – auch für andere Branchen, wie Luftfahrt und die Bahn. Unser Hook von KB&B ist Familien- und Kindermarketing. Und diese Zielgruppen sind für viele Unternehmen ganz wichtige. Hier wächst die Beratung im Digital Change sehr.“ Rolf Kosakowski, Geschäftsführer bei KB&B – The Kids Group!

 

„Ich spreche nun aus der Sicht einer Agentur, die als technischer Dienstleister im Content-Management-Bereich angefangen hat, in unserem Fall Drupal. Solche Agenturen gibt es sicherlich viele, manche arbeiten mit TYPO3 oder WordPress, aber grundsätzlich unterscheidet sich die Arbeit nicht. In diesem Bereich merken wir, dass man mit der Technik niemanden mehr lockt. Kleinere Unternehmen können sich mit sehr viel günstigeren Online-Lösungen eigene Webseiten oder sogar Online-Shops bauen. Wir arbeiten inzwischen an viel komplexeren und individuelleren Lösungen, die man nicht mit fertigen Tools kaufen kann. Unsere Konkurrenz ist nicht mehr eine TYPO3-Agentur, vielmehr treten wir gegen Lösungen wie Core Media oder Adobe Sitecore an, um Redaktionen und Marketing-Abteilungen mit maßgeschneiderten Lösungen die tägliche Arbeit zu erleichtern.“ Anja Schirwinski, Geschäftsführerin undpaul


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