Mut, Vertrauen und eine solide Fehlerkultur – So läuft der 5-Stunden-Tag bei Rheingans Digital Enabler

„Keine Angst vor #Neuland“ heißt es auf der Startseite von Rheingans Digital Enabler. Dass die Agentur für’s Digitale keine Angst vor Neuem hat, hat sie schon im letzten Jahr bewiesen. Ende 2017 wagte Lasse Rheingans den Sprung zum 5-Stunden-Arbeitstag. Alle Mitarbeiter kommen nun um 8 Uhr morgens und gehen um 13 Uhr, pünktlich zum Mittag – das Gehalt und das Arbeitspensum sind das Gleiche geblieben.

Wie kommt man auf diese Idee? Was sagen Kunden, wenn die beauftragte Agentur auf einmal nur noch bis zum Mittag zu erreichen ist? Und kann so ein Modell überhaupt dauerhaft funktionieren? Lasse stand uns Rede und Antwort. Und eines können wir schon jetzt verraten: Das Arbeitsmodell dieser Agentur hat auch uns inspiriert, Arbeit neu zu denken.

 

Hallo Lasse, vielen Dank erstmal, dass du dir die Zeit genommen hast. Wir haben gehört, und inzwischen auch schon auf dem Blog darüber berichtet, dass ihr den 5-Stunden-Arbeitstag eingeführt habt. Wann habt ihr das Experiment gestartet und wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich habe 2007 nach meinem Studium der Medienwissenschaften und nach jahrelanger Selbstständigkeit eine Agentur in Bielefeld gegründet. Da waren wir technischer Dienstleister und sind steil durch die Decke gegangen. Auch jetzt ist die Agentur noch am Markt und hat um die 50 Mitarbeiter. Ich war dort erst einer von zweien und dann einer von vier Geschäftsführern. Irgendwann mit Kindern in der Welt und allen möglichen privaten Hobbies – naja , eher einigen privaten Bedürfnissen – habe ich festgestellt, dass ich in meiner Geschäftsführerrolle echt keine Zeit hatte irgendetwas anderes zu machen und viel zu viel gearbeitet habe. Ich habe mir dann überlegt, dass ich an zwei Tagen mittags freimache, damit ich Zeit für meine Kids hab und mal durchatmen kann bzw. den Kopf frei kriege…

 

Ich habe irgendwann […] festgestellt, dass ich in meiner Geschäftsführerrolle echt keine Zeit hatte irgendetwas anderes zu machen und viel zu viel gearbeitet habe.

 

Da gab es natürlich erstmal eine Diskussion in der Gesellschafterrunde, weil nicht alle verstehen, dass nicht jeder klassisch acht Stunden arbeiten möchte. Ich persönlich, habe aber überhaupt keinen Stress an einigen Tagen morgens um sechs Emails zu checken und um zehn noch eine an Kunden zu schicken. Das ist für mich eine riesen Leidenschaft und ich mache den Job total gerne. Und dann kann ich mich auch durchaus abgrenzen und an der ein oder anderen Stelle eine Pause machen.

An den zwei Tagen an denen ich eher freigemacht habe, habe ich relativ schnell festgestellt, dass mein Job in den vier Stunden sehr, sehr effektiv durchgeführt wurde. Ich habe mich extrem gut selbst strukturiert, hab meine Arbeit gut organisiert und am Ende des Tages – also mittags – das Gleiche geschafft, was andere an einem Tag schaffen bzw. was ich sonst selbst an einem Tag geschafft hatte. Und das hat mich zum Denken gebracht.

Das Ganze hat im Endeffekt dazu geführt, dass ich mich intensiver mit dem Thema beschäftigt habe. Als ich dann ausgestiegen war, im Mai letzten Jahres, und geplant hatte eine neue Werbeagentur aufzumachen, hatte ich mir überlegt, wenn ich ein Team übernehmen sollte, würde ich den 5-Stunden-Tag versuchen. Ich hatte dazu so ein paar Studien und das Buch von Stephan Aarstol („The fivehour workday“) gelesen und kam zu dem Schluss: Das probierst du mal aus!

 

Ich hatte dazu so ein paar Studien und das Buch von Stephan Aarstol („The fivehour workday“) gelesen und kam zu dem Schluss: Das probierst du mal aus!

 

Und dann hab’ ich tatsächlich ein Team übernommen und war Mitte Oktober der alleinige Inhaber einer Agentur, die schon am Markt war. Ich habe schnell festgestellt, wenn ich das Konzept einführen möchte, dann ist jetzt der beste Zeitpunkt. Ich dachte mir: Die Kunden und Mitarbeiter bekommen eh frischen Wind, weil ich als neuer Geschäftsführer da bin. Und auch, weil es später keinen Sinn mehr macht, wenn ich selbst Teil von alten, bekannten Prozessen und irgendwann auch betriebsblind bin…

Und so kam es, dass ich dann einfach mal so meine Sicht der Dinge erklärt habe, also was Kommunikation bedeutet, was ich unter Teamzusammenarbeit verstehe, wie ich meine Geschäftsführerrolle definieren würde und wie ich gern mit diesem neuen Team zusammenarbeiten würde. Und seit November 2017 versuchen wir nun in fünf Stunden zu schaffen, was wir bisher in acht gemacht haben.

Ich habe auch klar gemacht, dass ich daran glaube, dass wir am Anfang wahrscheinlich einige Male scheitern werden. Aber, das wir durch jedes Mal Hinfallen gleichzeitig jede Menge gute Sachen lernen. Und das war und ist auch genau das, was ich glaube und erlaube: Das man immer wieder hinfällt und Fehler macht, dadurch aber auch wirklich interessante und relevante Dinge lernen kann, die man sonst nicht gelernt hätte.

 

Heißt das dann, dass ihr aktuell noch immer fünf Stunden pro Tag arbeitet?

Ich sage Jein, da ich selbst durch Presseanfragen und Co. viel länger arbeiten muss. Auch durch solche Dinge, wie den Kulturwandel stärker zu begleiten, das habe  ich selbst vielleicht ein bisschen unterschätzt. Wir sind eine nicht besonders große Firma und es ist dann nicht mal eben so machbar, dafür muss ich noch eine ganze Menge Leadership an den Tag legen.

Aber grundsätzlich arbeiten meine Kollegen bis ein Uhr, ja genau. Und das ist auch der Wunsch bzw. der Plan, da ich an das Konzept glaube und in den letzten acht bis neun Monaten gelernt habe, dass der Output von der Quantität der gleiche ist und von der Qualität eher sogar noch mehr. Ich habe ein Team, das hochmotiviert ist, das ausgeruht ist und zufrieden einen Job machen kann, für den man brennt. Da kommt es dann durchaus auch mal vor, dass man sich in seiner Freizeit weiterbildet oder eine geile Idee hat, wenn man grad beim Sport ist, im Wald oder sonst wo…

 

Ich habe ein Team, das hochmotiviert ist, das ausgeruht ist und zufrieden einen Job machen kann, für den man brennt.

 

Das heißt, ja, wir machen das genauso weiter und schaffen Qualitativ und Quantitativ auch mindestens das gleiche, wenn nicht sogar etwas Besseres. Deshalb habe ich auch überhaupt keinen Grund das irgendwie ändern zu wollen.

 

Du hast jetzt gerade schon erwähnt, dass euer Team motivierter und ausgeruhter in den Tag startet. Was, außer den kürzeren Arbeitszeiten, hat sich denn noch für euch geändert?

Wir haben erstmal geschaut, wo geht denn eigentlich die meiste Zeit flöten? Und ich glaube, wenn man sich so einen 8-Stunden-Tag anschaut, dann reden wir im Vergleich zum 5-Stunden-Tag nicht von einer Differenz von drei Stunden, dann reden wir von vielleicht einer Stunde Unterschied. Denn, wenn ich Mittagessen gehe bei so einem 8-Stunden-Tag, dann hast du danach dein Mittagstief. Ich glaube nicht, dass jemand in dieser Stunde wirklich produktiv arbeiten kann. Beim 8-Stunden-Tag kommen noch die ganzen Pausen mit Kollegen hinzu, die Ablenkungen durch den Small Talk zwischendurch. Und auch morgens: Dann kommst du in Ruhe an, machst dich erstmal ganz gemütlich fertig… Die Nettoarbeitszeit regulär liegt wahrscheinlich eher bei unter sechs Stunden an einem 8-Stunden-Arbeitstag, vielleicht auch sogar unter 5 – dazu gibt es sogar diverse Studien. Ob die immer stimmen kann natürlich niemand belegen, aber grundsätzlich ist es doch klar, dass niemand 8 Stunden produktiv arbeitet.

 

Wenn man sich so einen 8-Stunden-Tag anschaut, dann reden wir im Vergleich zum 5-Stunden-Tag nicht von einer Differenz von drei Stunden, dann reden wir von vielleicht einer Stunde Unterschied.

 

Wir haben erstmal geschaut, wo bei uns die meiste Zeit draufgeht. Das heißt, wir entschieden, vielleicht kein Spiegel Online mehr zu lesen, vielleicht mal kein Facebook zu benutzten, Instagram, WhatsApp und was weiß ich noch alles erstmal nicht mehr zu nutzen bzw. zu minimieren. Das heißt im ersten Schritt ging es darum, die Kollegen zu sensibilisieren, wo Zeit denn flöten geht.

Davon ab haben wir geschaut, wie sehen denn unsere Prozesse aus? Wir haben uns also im Vorfeld überlegt, wo verlieren wir Zeit? Und gleichzeitig haben wir dann in der Krise des 5-Stunden-Tages, wo du auf einmal drei Stunden weniger Zeit hast, schmerzlich festgestellt, wo Prozesse nicht rund laufen. Und an den Stellen ist dann ganz viel passiert. Wie sieht zum Beispiel der Support-Prozess aus? Da fällt einem auf einmal auf, dass im Support vielleicht ganz viele Leute mit einem tollen Ticket-System arbeiten, es aber vielleicht doch manchmal sinnvoller ist direkt mit der Entwicklerin oder dem Entwickler in den Face-to-Face-Talk zu gehen. Und Schwupps hat uns diese Erkenntnis pro Tag mindestens 20 Minuten gespart! Es sind also einfach Kleinigkeiten, die plötzlich auffallen, da es nicht mehr möglich ist anders damit umzugehen.

 

Wir haben in der Krise des 5-Stunden-Tages, wo du auf einmal drei Stunden weniger Zeit hast, schmerzlich festgestellt, wo Prozesse nicht rund laufen.

 

Andernfalls wirst du um eins nicht fertig, es entsteht ein Druck und diesem Druck muss man dann wiederum irgendwie begegnen. Entweder mit neuen Abläufen oder neuen Tools, die wir entwickeln oder dazu kaufen. Das ist ja auch genau das, was ihr letztendlich macht: Ihr entwickelt ein Tool, dass es ermöglicht effizienter zu arbeiten. Wenn man sich die Bitkom-Studie aus dem letzten Jahr anschaut, dass 60 Prozent der B2B-Beauftragung über das Fax läuft, dann muss man sich als freidenkender Mensch echt an den Kopf fassen und ernsthaft fragen: Wie viel Zeit habt ihr denn?

 

Das klingt für mich so, als wenn Produktivität ein großes Thema für euch ist?

Ist das nicht zwangsläufig eine Grundlage für jedes gute Geschäft, dass man produktiver sein muss, als die Konkurrenz? Also, ja, auf jeden Fall! Wir haben auch viele Diskussionen darüber, wie man zum Beispiel die Qualität steigern kann.

 

Wenn wir von Produktivität, Effizienz oder eben Qualitätssteigerung sprechen, was sind denn bei euch Kennzahlen für Produktivität? Habt ihr speziell KPIs, um diese Werte zu messen?

Naja. Zunächst haben wir alle etliche Jahre Erfahrung in dem Business, das wir machen. Und ich glaube, dann kann man schon sehr genau feststellen, ob Kollegen liefern oder nicht. Das heißt, wenn du weißt, etwas hat früher ungefähr einen Tag gedauert und jemand braucht plötzlich zwei, dann läuft etwas nicht ganz rund.

Aber wir sind dann nicht so ein Laden in dem wir sagen, du bist blöd oder du bist schlecht. Wir schauen dann, was kann man besser machen. Ich glaube, allein durch das Weglassen von Pausen, durch das Minimieren von Meetings, auch von Emails usw., spart man schon eine ganze Menge an Zeit.

Und was sind KPIs bei uns? Am simpelsten ist immer, wenn man sich anschaut, wie es mit den Umsätzen aussieht. Sind die gestiegen oder sind die eingebrochen? Und da muss ich sagen, das hatte überhaupt keinen Einfluss. Wir haben auch einen Organisationsberater bzw. einen Führungscoach, der uns in diesem Prozess der eigenen Transformation begleitet. Er ist der Meinung, dass wir die Organisation durch den 5-Stunden-Tag gar nicht überstrapazieren, also es läuft alles genauso wie vorher. Man muss selbst einfach strukturierter sein.

Das heißt, nö, wir messen das eigentlich nicht. Wir schauen: Wie viel Umsatz macht der eine oder andere Bereich? Wie lange brauchen wir für Projekte? Werden wir unser Versprechen einhalten? Eigentlich ist das unser wichtigster KPI: Wie oft können wir ein Versprechen nicht einhalten? Und solange die Antwort immer noch heißt, noch nie, ist es für mich völlig okay so weiterzumachen.

 

Eigentlich ist das unser wichtigster KPI: Wie oft können wir ein Versprechen nicht einhalten? Und solange die Antwort immer noch heißt, noch nie, ist es für mich völlig okay so weiterzumachen.

 

Es gibt natürlich immer mal wieder den Fall, dass man nicht rechtzeitig fertig wird. Und dann muss man sich fragen, ob es am 5-Stunden-Tag lag? Und da konnte ich bislang immer sagen: Nein. Das lag dann daran, dass man krank war oder überlastet, also alles Dinge, die man auch bei einem 8-Stunden-Tag hat. Was ich sehe, ist dass die Qualität bei einem 5-Stunden-Tag höher ist. Was will man denn als Kunde oder als Agentur? Will man zum Beispiel einen guten Coach, der wenig Fehler im Nachgang produziert?

 

Jetzt sprichst du gerade den Kundenkontakt an. Ihr macht jetzt immer mittags den Cut, um 13 Uhr endet eure reguläre Arbeitszeit. Wie haben denn externe darauf reagiert? Was haben eure Kunden gesagt, dass ihr in der Regel nach 13 Uhr nicht mehr zu erreichen seid?

Ja, das stimmt. Wir haben das am Anfang komplett so gemacht, dass wir nicht mehr zu erreichen waren. Wir hatten dann einen Anrufbeantworter, der hat gesagt, wir sind nicht mehr da, ihr erreicht uns morgen früh wieder. Und ich finde das auch gar nicht so schlimm. Das ist vielleicht ein bisschen frech und auch nicht kundenorientiert genug, aber muss man immer von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends erreichbar sein? Das scheint so eine Meinung bei einigen zu sein, dass das normal ist. Aber ich finde das ganz angenehm diese ständige Erreichbarkeit mal raus zu nehmen.

Unser größter Kunde hat damals gesagt, ihm sei das total egal. Wir halten die Budgets und unser Versprechen ein. Und solange die Qualität gleich bleibt oder gar besser wird, ruft er uns halt morgens an, wenn er mit uns sprechen will.

Manchmal gibt es dann Leute, die sich beschweren, dass wir nicht erreichbar waren. Darauf habe ich dann zwei Antworten: Selbst wenn wir erreichbar gewesen wären, heißt das noch lange nicht, dass wir sofort leisten können, was er von uns braucht. Das ist das eine. Und das andere sind Kunden, die zum Teil total chaotisch arbeiten. Und das dürfen wir ja nicht ausbaden und mit dem wichtigsten Gut bezahlen, dass wir haben: die Zufriedenheit unserer Mitarbeiter.

Mittlerweile, auch weil ich neugierig war, leiten alle Anrufe nach 13 Uhr auf mein persönliches Handy weiter. Und ich muss sagen: So viel kommt da gar nicht mehr. Aber wir wollen einfach auch niemanden hängen lassen. Wenn es mal brennt bei Kunden: Wir sind da, bzw. erstmal ich. Und dann schauen wir, wie wir diesem „Notfall“ sinnvoll begegnen.

 

Apropos Mitarbeiter. Wie haben denn eure Mitarbeiter reagiert? Ich kann mir schon vorstellen, dass dieses Modell nicht für jeden etwas ist?

Manche haben erstmal gesagt: Oh man, um 8 Uhr morgens anfangen zu arbeiten, dass kann ich gar nicht. Ich bin noch voll der Zombie bis 10 Uhr morgens. Und das versteh ich auch. Aber jetzt funktioniert es, um 8 Uhr morgens im Büro zu sein. Immerhin ist man dann ja auch schon um 13 Uhr wieder durch und hat viel mehr Zeit, als vorher.

Es gab es einen, der hat gesagt, er könne das nicht leisten in fünf Stunden. Und das hatte eigentlich den Ursprung, dass er auch vor dem 5-Stunden-Tag schon total überlastet war. Find ich dann natürlich super, dass überhaupt zu merken durch den 5-Stunden-Tag. Der Mitarbeiter wäre sonst einfach irgendwann hinten über gefallen bei dem Arbeitspensum. Da stelle ich dann natürlich lieber noch jemanden ein bevor das zu gefährlich wird und ich den Mitarbeiter am Ende für längere Zeit verliere.

Dann gibt es natürlich einen Teil, der findet das richtig geil und macht da gerne mit. Die freuen sich dann, dass sie jetzt einen neuen Chef haben, der solche verrückten Ideen hat und auch umsetzt.

 

Wie du vielleicht weißt, haben wir das Modell auch einfach mal ausprobiert. Bei unserem internen Experiment hat erstmal nur ein Kollege für fünf statt acht Stunden gearbeitet. Ihm ist vor allem eines aufgefallen: Von heut auf morgen von acht auf fünf Stunden zu switchen ist sehr schwierig. Habt ihr euch langsam in das Konzept hineinoptimiert oder von heut auf morgen einen Cut gemacht?

Ich glaube, wenn du den Schmerz nicht hast, dann bringt es nichts. Wenn du es also nicht knallhart von einen auf den anderen Tag durchziehst, dann drehst du dir selber auch ein paar Sachen so, das sich nicht wirklich etwas ändert. Aber wenn du wirklich sagst, heute ist um 13 Uhr Feierabend, dann ist der Leidensdruck automatisch so hoch, dass du umdenken musst. Ich glaube, alles andere bringt nicht solche Erkenntnisse, wie ein harter Cut.

 

Was für Tools nutzt ihr denn so, um eure Arbeit effizienter zu gestalten?

Ihr selber seid leider nicht dabei, weil wir selbst eine Software geschrieben haben, die das so in etwa macht. Also grundsätzlich haben wir ein zentrales Tool in dem wir die gesamte Agentur abbilden.

Tatsächlich stellen sich dann einige Tools auch als enorme Zeitfresser heraus. Slack zum Beispiel, so für die kleinen Absprachen zwischendurch. Einige Kollege sagen jetzt: Bloß kein Slack mehr! Die meisten machen morgens einmal Slack an und mittags, und dann ist Ruhe im Karton. Wir kamen dann durch diese Erfahrung dazu, dass wir Guidelines brauchen. Also das man beispielsweise nur kleine Ja- und Nein-Antworten hat und jeder entscheiden darf, wann er erreichbar ist.

 

Tatsächlich stellen sich einige Tools auch als enorme Zeitfresser heraus. Slack zum Beispiel.

 

Und ansonsten nutzen wir Jira und Confluence, wo sämtliche Arbeitsaufgaben und die Dokumentation von Gelerntem, Projektinformationen und Co. abgelegt werden. Da kommen hin und wieder neue hinzu oder andere gehen. Aber sonst geht es einfach viel um Prozesse, die man gemeinsam im Team definiert, um zu schauen, wie man zusammen besser arbeiten kann.

 

Würdest du sagen, dass Zeiterfassung in dem Rahmen eine größere Rolle spielt? Oder hat Zeiterfassung für euch überhaupt schon mal eine Rolle gespielt?

Ne, nicht unbedingt. Wir erfassen schon Zeiten auf Tickets, aber die Wichtigkeit davon hat sich definitiv nicht geändert. Ich will auch nicht die Komplexität erhöhen an bestimmten Stellen, die dann noch mehr Zeit frisst. Die will ich lieber in meine kreative Arbeit stecken.

 

Was sind denn die größten Vorteile, wenn man ein Arbeitsmodell komplett neu denkt, so wie ihr das jetzt macht?

Ich glaube, dass ich zufriedene und glückliche Menschen bei mir sitzen habe, die für ihren Job brennen und mir das auch jeden Tag zeigen in ihren fünf Stunden. Und danach haben sie eben immer noch ausreichend Zeit ihre Persönlichkeit zu entwickeln, ihr Privatleben zu organisieren und sich auch weiterzubilden an den Stellen, wo sie hinwollen. Und ich bin dann eben nicht der limitierende Faktor als Unternehmen. Ohne mich könnten sie alle Superstars werden, wenn sie wollen. Wenn ich sie trotzdem weiterhin an Board habe, ist das doch super! Und die Chance, dass ich sie weiterhin an Board habe, ist hoch, wenn sie jeden Tag nur fünf Stunden arbeiten müssen.

Eine Sache, die ich auch festgestellt habe: Wenn am 8-Stunden-Tag Leute bei mir arbeiten, dann haben die ihre ganzen persönlichen Probleme mit dabei. Die müssen sich darum kümmern, wie sie ihre Autoreifen wechseln, wie sie ihre Kinder zum Arzt kriegen und noch tausend andere Sachen machen. Das sind Dinge, die haben meine Mitarbeiter nicht mit dabei. Sie sind hoch konzentriert und hoch motiviert mit ihren Gedanken nur beim Job. Für alles andere gibt es ja jeden Tag genug Zeit.

Das andere betrifft natürlich das Recruiting. Ich erhalte jeden Tag mindestens eine Bewerbung. Ob die alle Sinn machen, sei mal dahingestellt. Aber ich kann mir immer aussuchen mit wem ich sprechen will und mit wem nicht.

 

Das habe ich mir schon gedacht und das bestätigt den Eindruck, den ich bei der Recherche hatte. Es gibt ein unglaubliches Interesse an dem Thema und wahnsinnig viele Leute haben schon über dich bzw. euch berichtet.

Du hast vielleicht auf unserer Webseite gesehen, dass die Liste von Pressemitteilungen unglaublich lang ist und auch nicht abreißt. Es gibt immer noch Portale – auch weltweit – die über uns schreiben. Das finde ich sehr cool und das zeigt auch, dass wir damit ein Bedürfnis berühren. Ein Bedürfnis von Unternehmern, aber auch von Menschen, die mit einer bestimmten Komplexität und den Anforderungen des Alltags nicht mehr klarkommen. Also klar, Arbeit ändert sich und wird von „Fließbandarbeit“ zu kreativer Arbeit. Aber gleichzeitig wird das Leben auch komplexer. Du bist always on, always available. Du hast also einen wesentlich komplizierten Alltag, als früher, aber irgendwie haben sich die Arbeitsbedingungen nicht mit geändert.

 

Wo Vorteile sind, gibt es auch fast immer Nachteile. Was sind die Schattenseiten eures Arbeitsmodells?

Der soziale Kitt geht natürlich verloren. Ich mag Menschen, arbeite gerne mit ihnen und spreche gerne mit ihnen über private Belange. Aber wenn man nur fünf Stunden konzentriert arbeitet, kippt das natürlich hinten über. Das versucht das Team auf freiwilliger Basis zu kompensieren, in dem zum Beispiel gemeinsam gegessen wird oder man sich ohne beruflichen Druck nach 13 Uhr zusammen setzt. Wir haben eine Küche in der wird jeden Freitag gekocht. Aus eigener Initiative haben wir also einen Koch Club gegründet in dem wir uns rotierend immer alle gegenseitig bekochen.

 

Der soziale Kitt geht natürlich verloren.

 

Dann machen wir sogenannte Austauschtage, wo jeden kommen kann, aber nicht muss. Dort spricht man über fachliche Themen und irgendwie hat da auch jeder Lust zu. Jetzt eben war ich auf einem Entwicklertreffen. Die habe ich auch mal nachgefragt, wie ist das denn jetzt eigentlich so ist, länger hier zu sein. Es sei gar kein Problem mal bis 16/ 17 Uhr zu bleiben. Sie hätten jeden Tag so viel Zeit, da bleiben sie gern mal etwas länger und quatschen mit allen um zu schauen, was die anderen so zu erzählen haben. Das ist also so ein bisschen aus Eigeninitiative entstanden, damit der soziale Kitt dann doch irgendwo erhalten bleibt. Das finde ich ganz cool.

 

Abschließend würde ich dich ganz gerne um einen Tipp bitten für all diejenigen, die das Modell auch einführen wollen?

Erstmal sollten diejenigen sich fragen, ob Sie mutig genug sind, auf die Schnauze zu fallen. Denn ich glaube, dass ist ein riesen Ding. Die andere Sache ist, haben sie genug Vertrauen in ihre Mitarbeiter? Es gibt Firmen, die erlauben nicht mal Homeoffice, weil sie denken, dann sind die Mitarbeiter faul und machen gar nichts. Das ist also auch so eine Sache, Vertrauen geben. Ob eine Fehlerkultur im Unternehmen vorhanden ist, ist auch essentiell. Erlaubt man es zu scheitern? Ist man dann in der Lage zu schauen, was lernt man jetzt daraus?

Mut, Vertrauen und eine solide Fehlerkultur – und dann, einfach mal machen und gucken, was passiert.


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