Freelancer suchen und finden mit der Spieltheorie – Ein Experteninterview

Die Zahl der Freelancer steigt. Angesichts der schnelllebigen Themenvielfalt im digitalen Umfeld überrascht es nicht, dass auch Agenturen immer häufiger auf Freiberufler zurückgreifen. Doch Freelancer ist nicht gleich Freelancer. Know How und Erfahrungsschatz müssen zum Anwendungsfall der Agentur passen, der Stundensatz muss stimmen, die Verfügbarkeit garantiert sein.

Rainer Kurz, Geschäftsführer von Freelance-Market, hat sich auf diese Herausforderung spezialisiert. Er bringt Unternehmen und passende Freelancer zusammen. Wie genau dies in der Praxis funktioniert und was das ganze mit der Spieltheorie zu tun hat, das erzählt er uns in diesem Interview.

 

Als Betreiber von Freelance-Market.de haben Sie sich auf das Zusammenbringen von Freelancern und Unternehmen spezialisiert. Was sind die größten Herausforderungen, einen passenden Freelancer zu finden?

Die größte Herausforderung sehe ich darin, passende Skills und Erfahrungen zusammenzubringen. Dazu sollten natürlich auch der Stundensatz, Einsatzort und die Verfügbarkeit passen. Man sollte sich auf jeden Fall genug Zeit nehmen, den optimalen Dienstleister zu finden und nicht gleich den Erstbesten beauftragen. Ein Marktplatz wie Freelance-Market, der die Merkmale aller Freelancer übersichtlich gegenüber stellt kann hier helfen.

Man sollte sich auf jeden Fall genug Zeit nehmen, den optimalen Dienstleister zu finden und nicht gleich den Erstbesten beauftragen.

Selbst wenn man jemanden gefunden hat, der rein formal passt, bleibt noch das Problem des gegenseitigen Vertrauens zwischen Freelancer und Nachfrager. Kann der Freelancer wirklich das, was er verspricht? Ist der Auftraggeber verlässlich? Wer geht in Vorleistung, d. h. soll der Freelancer zuerst etwas abliefern oder soll der Auftraggeber zuerst bezahlen? Hier helfen u.a. Treuhand-Bezahldienste, wie sie auch Freelance-Market kostenlos anbietet.

 

Wie sind Sie denn damals auf die Idee gekommen, das Portal Freelance-Market ins Leben zu rufen?

Nach sechs Jahren als angestellter Unternehmensberater bei Gemini Consulting und McKinsey habe ich mich 1999 als Freiberufler selbständig gemacht. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich auch auf verschiedenen Portalen eingetragen, um an Nachfrager zu kommen. Leider waren diese Portale nicht so, wie ich mir das erhofft hatte.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich intensiv mit effizienten Marktmodellen auseinandergesetzt, insbesondere im Rahmen gemeinsamer Projekte mit dem Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Selten (Professor Selten erhielt 1994 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten im Bereich der Spieltheorie). Da ich mich damals intensiv mit Unternehmensneugründungen beschäftigte, lag es nahe, einen Vermittlungsmarktplatz für Freiberufler auszutesten, der deutlich einfacher und effizienter funktioniert, als das, was ich bislang aus eigener Erfahrung kannte.

Das war damals 2004 natürlich nur ein Test einer Geschäftsidee. Sehr schnell haben sich darauf aber die ersten Freiberufler eingetragen und innerhalb eines Monats kam es bereits zu ersten Vorstellungen mit Firmen. So wurde aus diesem anfänglichen Markttest ein reguläres Unternehmen.

 

Was sind die entscheidenden Faktoren nach denen auf dem Portal Freelancer zugeordnet und bewertet werden? Wieso haben Sie sich ausgerechnet für diese Faktoren entschieden?

Freelance-Market basiert auf den Prinzipien des volltransparenten Marktplatzes. Sowohl die Freiberufler wie auch deren Nachfrager haben sofort einen umfassenden Überblick über die Marktsituation.

Nicht nur die Qualität und Leistungen der Freiberufler sondern auch deren Preise sind allen Beteiligten bekannt, so dass diese, ganz im Sinne der Spieltheorie von Prof. Selten, bestmögliche Marktentscheidungen treffen können.

Nicht nur die Qualität und Leistungen der Freiberufler sondern auch deren Preise sind allen Beteiligten bekannt, so dass diese, ganz im Sinne der Spieltheorie von Prof. Selten, bestmögliche Marktentscheidungen treffen können.

Die Freiberufler positionieren sich so optimal im Markt, während die Nachfrager sich für das geeignetste Angebot entscheiden können.

Weitere Merkmale von Freelance-Market sind die verbindlichen Stundensätze, finanzielle Anreize für einen professionellen Umgang, Feedbackmechanismen, ein Bewertungssytem und die einfachen, schnellen Transaktionen.

Auch aufgrund seiner effizienten Abläufe kommt Freelance-Market mit äußerst geringen Vorstellungsgebühren aus (durchschnittlich rund ein Prozent des vermittelten Projektvolumens). Die Gebühren werden nur durch den Freiberufler bezahlt, so dass Freelance-Market für Nachfrager kostenlos ist.

 

Haben Sie den Eindruck, dass heute mehr Freelancer als noch vor einigen Jahren beschäftigt werden? Woran könnte das liegen?

Laut den Zahlen der Finanzverwaltung gibt es aktuell 1,4 Millionen Freiberufler. Diese Zahl verdoppelt sich in etwa alle 20 Jahre. So gab es 2004 zum Start von Freelance-Market in Deutschland 800 000 Freiberufler.

Der Grund für die steigende Zahl der Freiberufler liegt im allgemeinen Trend zu mehr sogenannten “atypischen Arbeitsverhältnissen”, die inzwischen gut 40 Prozent der Beschäftigung ausmachen. Die “typische Beschäftigung” (die unbefristete Vollzeitarbeit im Angestelltenverhältnis) entspricht immer weniger den Bedürfnissen einer modernen Volkswirtschaft.

Die “typische Beschäftigung” (die unbefristete Vollzeitarbeit im Angestelltenverhältnis) entspricht immer weniger den Bedürfnissen einer modernen Volkswirtschaft.

Bei den Firmen nimmt die Zahl der zeitlich befristeten Projekte mit Bedarf an sehr speziellen Fachkenntnissen zu. Dieser Bedarf kann insbesondere bei Klein- und mittelständischen Firmen nicht mehr durch die eigene Belegschaft abgedeckt werden. Aufgaben werden daher zunehmend nach außen vergeben. Bei komplexen Aufgaben erfolgt dies am besten durch die Beauftragung an spezialisierte Dienstleistungsunternehmen, bei Aufgaben mit geringer bis mittlerer Komplexität ist die Beauftragung eines einzelnen spezialisierten Freiberuflers oft die effizienteste Lösung.

Bei Aufgaben mit geringer bis mittlerer Komplexität ist die Beauftragung eines einzelnen spezialisierten Freiberuflers oft die effizienteste Lösung.

 

Ist es gleichzeitig schwieriger oder leichter geworden die passenden Freelancer zu finden?

Es geht weniger um die Verfügbarkeit passender Freiberufler sondern darum, welchen Preis man zu zahlen bereit ist.

Wir haben aktuell mit 5,4 Prozent eine historisch geringe Arbeitslosenquote. Als wir 2004 starteten waren noch 10,5 Prozent arbeitslos und die Verfügbarkeit der einzelnen Freelancer war besser. Laut der aktuellen SOLCOM-Studie sind inzwischen 86 Prozent der Freiberufler momentan im Projekt*. Trotzdem bekommt man in der Regel den passenden Freiberufler für sein Projekt, falls man bereit ist den entsprechenden Stundensatz zu bezahlen. Gerade bei Freelance-Market als transparenter Marktplatz erleben wir oft, dass Freiberufler ihren Stundensatz an ihre aktuelle Auftragslage anpassen. Es geht also weniger um die Verfügbarkeit passender Freiberufler sondern darum, welchen Preis man zu zahlen bereit ist.

*siehe https://www.freelance-market.de/nl/232/freiberuflerbefragung-86-prozent-aller-freelancer-aktuell-im-projekt

 

Als Unternehmen, worauf sollte ich achten, um den passenden Freiberufler zu finden? Haben Sie da ein paar Tipps für unsere Leser parat?

Sofern man als Auftraggeber fachlich kompetent ist, sollte man sich nicht scheuen, im Erstgespräch kleine Prüfungsaufgaben zu stellen. Hier reichen oft Dinge, die der Freelancer am Telefon innerhalb einer Minute lösen kann. Ich selbst führe bspw. Teile des Gesprächs auf Englisch oder Französisch, falls das projektrelevant ist oder frage den Dienstleister was 20 geteilt durch 0,1 ergibt, falls mathematisch/analytische Fähigkeiten Voraussetzung sind.

Oft kann man erst im Projekt selbst sehen, wie gut man zusammenpasst. Ich würde daher die Beauftragung immer sehr flexibel gestalten, so dass man den Dienstleister nur solange nutzen muss, wie man zufrieden ist – das gilt übrigens nicht nur für Freelancer sondern für alle Arten an Lieferanten. Das kann konkret bedeuten, dass man das Auftragsverhältnis ggf. innerhalb einer Stunde beenden kann, bspw. wenn man nicht mehr zufrieden ist*. Dabei sollte auch darauf geachtet werden, dass man stets auch die Zwischenergebnisse nutzen darf.

*Einen entsprechenden Mustervertrag gibt es auf https://www.freelance-market.de/d/mustervertrag

 

Umgekehrt ist es natürlich auch interessant zu wissen, auf was Freelancer bei der Erstellung ihres Profils achten sollten? Wie habe ich als Freelancer die größten Chancen einen Job an Land zu ziehen?

Neben der Beliebtheit der angebotenen Dienstleistung und dem Stundensatz beeinflussen die Inhalte des publizierten Freelancer-Profils ganz wesentlich die Chancen zur Vorstellung. Nachfolgend ein paar Empfehlungen:

1) Porträtfoto: Freelancer mit Foto werden doppelt so häufig angefragt. Selbst ein unterdurchschnittliches Foto ist immer noch besser als keines.

2) Referenzgeber: Falls bisherige Kunden bereit sind, Auskunft zu geben, können bei Freelance-Market deren Kontaktdaten im Profil hinterlegt werden. Im Profil wird die Zahl der Referenzgeber dann für alle sichtbar angezeigt. Die Kontaktdaten der Referenzgeber sind selbstverständlich nicht öffentlich sichtbar, sondern werden nur im Falle einer Vorstellung dem Nachfrager mitgeteilt.

3) Ausführliche und konkrete Profilangaben zu den Schwerpunkten, Erfahrungen und Zusatzfähigkeiten helfen dem Nachfrager bei seiner Auswahl. Dabei sollten die ganz spezifischen Fähigkeiten klar herausgestellt werden. Keiner würde einen auf Architekturvisualisierung spezialisierten Grafiker auswählen, der nur schreibt “mache schöne Grafiken”.

4) Arbeitsprobe: Bei Freelance-Market können dem Profil Arbeitsproben hinzugefügt werden, um Nachfrager von der Arbeit und dem individuellen Arbeitsstil zu überzeugen. Beispielsweise laden Grafiker oft Broschüren hoch, Texter stellen ihre anspruchsvollen Texte vor, Coaches präsentieren Videos ihrer Arbeit und Maschinenbauingenieure zeigen ihre komplexen Konstruktionspläne.

5) Positive Kundenbewertungen: Positives und negatives Feedback der Nachfrager werden bei uns im Freelancer-Profil mit angezeigt. Freelancer sollten ihre Kunden durch höchste Professionalität überzeugen und dann zum Feedback an uns auffordern.

6) Ein Tipp zum Schluss: Freelancer sollten ihr Profil mit den Profilen besonders häufig vorgestellter Freelancer in ihrer Kategorie vergleichen.

 

New Work ist in aller Munde. Es gibt immer mehr Freelancer, die auch aus dem Ausland arbeiten und z.B. als Digitale Nomaden um die Welt reisen während sie ihrem Job nachgehen. Kommen dadurch neue Herausforderungen auf Unternehmen zu?

Das Thema Arbeitsort hat viele Aspekte. Bereits heute werden ca. 50 Prozent aller durch uns getätigten Vorstellungen per Telearbeit ausgeführt.

Wie eine von uns durchgeführte Marktstudie zeigt, stehen manche Freiberufler sogar nur zur Telearbeit zur Verfügung. So arbeiten 14,4 Prozent aller Freelancerinnen ausschließlich per Telearbeit, während es bei den männlichen Freelancern allerdings nur 6,3 Prozent sind.

Es gibt auch eine steigende Zahl an deutschen Freiberuflern, die in Regionen oder Ländern leben, wo es vor Ort wenig Bedarf oder nur geringe Vergütungen gibt. So haben wir deutsche Freelancer, die in Mallorca, Griechenland, den Philippinen oder in der Niederlausitz leben, die wir häufig per Telearbeit vermitteln. Natürlich eignen sich manche Arbeiten, wie z. B. Grafikdesign, besser für Telearbeit als beispielsweise Persönlichkeitscoaching oder Eventmanagement.

Als Auftraggeber sollte man immer genügend Zeit zur Management des Dienstleisters mit einrechnen. So kann es beispielsweise sinnvoll sein pro zehn Stunden Arbeit immer eine Stunde Zeit für das Dienstleistermanagement einzurechnen. Dies gilt unabhängig davon, ob die Arbeit vor Ort oder per Telearbeit erfolgt. Ich habe leider auch schon Fälle erlebt, wo ein Dienstleister in Übersee mit einer komplexen Aufgabe beauftragt wurde und dann das Ergebnis nach vier Wochen Arbeit ohne Kommunikation völlig die Erwartungen verfehlt hat.

“New Work” kann auch die Arbeit an weltweiten Einsatzorten bedeuten. So habe ich selbst mehrere Monate für ein internationales Bergwerksunternehmen mitten in der namibischen Wüste gearbeitet. Einen deutschen Experten für interkulturelle Kommunikation haben wir an die Bundeswehr vermittelt – für ein Projekt in Afghanistan. 24 Prozent unserer Freelancer geben an, weltweit für Projekte zur Verfügung zu stehen. Dabei zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern: 17% der Freelancerinnen sind bereit weltweit zu arbeiten, während es 27% ihrer männlichen Kollegen sind.

 

Ein kostenloses Dokument zu “New Work” und der Zukunft der freiberuflichen Arbeit gibt es auf https://www.freelance-market.de/d/zukunft-der-freelance-arbeit.

Die GlasQgel abonnieren

  • Nur hilfreiche Fachartikel und Interviews
  • Ca. alle 3-4 Wochen ein gut recherchierter Artikel
  • Garantiert keine Werbung
Ich bestätige hiermit, dass ich zukünftig neue Fachartikel der GlasQgel per E-Mail erhalten möchte. Dies kann ich jederzeit per Mail an [email protected] oder per Link am Ende jeder E-Mail widerrufen. Mehr Infos in den Datenschutzbedingungen.