Ich bin dann mal weg. Kann man trotz Festanstellung ein Digitaler Nomade sein?

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Von dort aus Arbeiten, wo andere Urlaub machen und in der Hängematte liegend nur das Wichtigste abarbeiten? Wir haben unseren Kollegen Basti nach Phuket geschickt, um herauszufinden, ob das Leben als Digitaler Nomade wirklich so toll ist, wie immer alle behaupten. Davon haben wir euch ausführlich berichtet.

Basti hat für das Experiment „Digitaler Nomade auf Probe“ weder seinen Job aufgegeben, noch die Wohnung gekündigt. Dabei geht das Leben als moderner Wanderarbeiter im digitalen Zeitalter für die meisten wie selbstverständlich mit der Kündigung der Festanstellung einher. Schließlich geht es um die totale Freiheit und Unabhängigkeit. Aber muss das tatsächlich so sein? Kann nur derjenige Digitaler Nomade sein, der ein eigenes Ding startet und den festen Job an den Nagel hängt?

Wir haben bei unseren Geschäftsführern und Kollegen nachgehakt und wollten wissen, welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, damit das Arbeiten vom Strand, auch ohne Aufgabe des sicheren Jobs, reibungslos funktioniert. Unsere Erfahrungen möchten wir mit euch teilen.

 

Ich bin dann mal weg…

Sachen packen und von heut auf morgen den Arbeitsplatz an den Strand verlagern? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Auch wenn das Hamburger Wetter einen allzu oft dazu motiviert, spontan in den Flieger zu steigen… Trotzdem ist es wichtig, vorab ein paar Dinge zu klären. Ein wichtiges Learning, dass wir aus dem Experiment mitgenommen haben: Alle Projekte vorher intensiv briefen und den Handlungsrahmen genau abstecken. Was bedeutet das für die Praxis? In Bastis Fall wurde zunächst festgelegt, an welchen Projekten er während seines Aufenthalts in Thailand arbeiten kann. Bei der Auswahl war es wichtig, dass er auch an solchen Projekten beteiligt ist, die er im Notfall selbstständig bearbeiten kann. Schließlich fallen kurzfristige Abstimmungen an der Kaffeemaschine weg. Auch kann es vorkommen, dass man mal keine sichere Internetverbindung hat. In diesen Fällen muss gewährleistet sein, dass der Digitale Nomade trotzdem etwas zu tun hat:

„Am besten ist es, einen Blumenstrauß an Projekten bearbeiten zu können. Wenn alle in Deutschland schlafen und man nicht weiterkommt oder eine Entscheidung getroffen werden muss, kann man dann erstmal etwas Anderes machen.“

Genauso essentiell ist es, dass vorab entschieden wird, bei welchen Meetings der digitale Nomade unbedingt anwesend sein muss. Wenn nicht zwingend notwendig, kann man so die Anzahl der Abstimmungen schon vorab reduzieren. Außerdem sollte das technische Setup, für jedes Meeting bei dem der digitale Nomade zugeschaltet wir, vorab gut vorbereitet werden. Auf diese Weise kann vermieden werden, dass technische Probleme zum Störfaktor werden und den Abstimmungstermin unnötig in die Länge ziehen.

 

 

Auf das Unerwartete vorbereitet sein

Wenn ein Mitarbeiter das erste Mal aus der Ferne arbeitet, kann man gar nicht auf alles vorbereitet sein. Auch diese Erfahrung haben wir gemacht. Durch die Zeitverschiebung und Bastis variierende Arbeitszeiten, war manchmal unklar, von wann bis wann er eigentlich zu erreichen ist. Und laute Hintergrundgeräusche an Strandbars, die als einzige super WIFI hatten, aber eben auch laute Musik spielten, haben uns auch überrascht. Wenn man die Erfahrungen einmal gemacht hat, kann man sich aber darauf einstellen und entsprechend reagieren.

So hat Basti z.B. alle Fragen, die er nicht direkt klären konnte, in unseren Slack-Chat getippt. Am Morgen hat der Verantwortliche dann direkt eine Liste mit allen dringenden Anfragen zur Projektweiterführung vor sich gehabt. Wichtig ist dabei, dass die Anliegen, nicht im morgendlichen Chat-Trubel untergehen und entsprechend priorisiert werden. Auch hat sich die Verwendung von Jira und Kanban bewährt, wenn es kleinteilige Abstimmungen zu klären galt.

 

Aus den veränderten Bedingungen einen Nutzen ziehen

In die Kategorie „Dinge, die man erst weiß, wenn man es selbst ausprobiert hat“, fällt auch die Erfahrung, dass die Zeitverschiebung keinesfalls etwas Negatives sein muss. Ganz im Gegenteil, wir haben die zeitliche Verschiebung zwischen Phuket und Hamburg als vorteilhaft empfunden.

„Dadurch, dass Basti bei sich morgens (bei uns in tiefer Nacht) angefangen hat zu arbeiten, konnte er ungehindert Infrastrukturarbeiten, Wartungsarbeiten und größere System-Updates machen, ohne dabei jemanden bei der Arbeit zu stören“, erinnert sich Bastis Teamleiter.

Auch Basti hat aus den unterschiedlichen Arbeitszeiten einen Nutzen gezogen:

„Ich konnte durch das nicht vor Ort sein relativ ungestört arbeiten. Das wäre im Office in Hamburg wahrscheinlich weniger der Fall gewesen. Hier gibt es einfach viel mehr Fragen vom Team, von Kunden, E-Mails, die zur normalen Geschäftszeit eintrudeln, etc.“

 

 

Bedeutet dies, dass jeder seine sieben Sachen packen und vom Strand aus Arbeiten kann?

Nach dem Experiment stand für Basti und unsere Geschäftsführung eines sofort fest: An der Zusammenarbeit hat sich während Bastis (räumlicher) Abwesenheit im Wesentlichen gar nichts geändert. Und damit ist auch schon der wichtigste Faktor genannt, um trotz festem Job als Digitaler Nomade arbeiten zu können. Weder Arbeitgeber, noch Kollegen oder Kunden, nicht einmal der Arbeitnehmer selbst, sollte durch das Nomadendasein in den Kernaufgaben seiner Arbeit behindert sein. Das heißt im Klartext: Ein Großteil der Festangestellten in Deutschland könnten nicht von unterwegs arbeiten.

So ist es beispielsweise undenkbar, dass ein Mitarbeiter, der einen Großteil seine Arbeitszeit mit direktem Kundenkontakt verbringt, dann anfängt zu arbeiten, wenn in Deutschland alle schlafen. In Bastis Fall reichte ein kurzes Überschneidungsfenster beider Orte, um die wichtigsten Kundenanfragen zu beantworten. Nicht ohne Grund sind es vor allem Webentwickler, so wie Basti, die den Weg eines modernen Wanderarbeiters einschlagen. Außer ihrem PC und einer guten Internetverbindung brauchen die meisten Digitalen Nomaden kaum etwas, um produktiv tätig zu sein.

 

Welche Eigenschaften hat ein Digitaler Nomade?

Neben der Tatsache, dass die meisten Tätigkeiten generell ausscheiden, um vom Strand aus erledigt zu werden, haben wir die Erfahrung gemacht, dass auch der Mitarbeiter geeignet sein muss, um ein richtiger Digitaler Nomade zu sein. Ein gewisser Grad an Vertrauen an den Mitarbeiter muss vorhanden sein, um darauf zu bauen, dass er größtenteils selbstständig arbeitet. Und damit ist nicht gemeint, dass der Arbeitnehmer auch von unterwegs exakt 8h/Tag arbeitet, erklärt unser Co-Founder Lucas:

„Es geht vielmehr darum, ob man dem Mitarbeiter zutraut sein Zeitmanagement selbst zu erledigen. Er sollte dazu in der Lage sein, selbstständig sinnvolle Arbeitsplätze zu finden, den Drive aufzubringen, auch wenn das Heimat-Office schläft, knifflige Themen zu bearbeiten und so selbständig sein, nicht für jeden Kleinigkeit Hilfe zu benötigen. Man muss ihm vertrauen, trotz der verdienten Sonne immer noch das Beste für das Team zu verfolgen.“

 

 

Ein Digitaler Nomade mit fester Anstellung ist immer auch Teil eines Teams – Ein Widerspruch?

Ein Digitaler Nomade, der seine Festanstellung beibehält, ist also nie vollkommen frei und unabhängig. Er behält seine Zugehörigkeit zu einem Team. Ein Widerspruch? Nicht zwangsläufig, wenn es ihm gelingt eigenständig seine Aufgaben zu bearbeiten und trotzdem mit seinem Team in enger Abstimmung bleiben. In jedem Fall darf es für keinen Beteiligten zu einer Belastung werden. Für uns steht daher fest, dass vor allem auch das Team entscheiden sollte, ob der Mitarbeiter remote arbeiten kann. Fühlt sich das Team damit unwohl oder unproduktiv, ist das digitale Nomadendasein ungeeignet.

Bei HQ profitieren wir zusätzlich von der Tatsache, dass Remote Arbeiten bei agilen Teams recht einfach umsetzbar ist. Hier findet von vornherein eine häufige und enge Abstimmung statt.

 

Ein Experiment mit Zukunftspotential

Während und nach Bastis „Reise“ haben wir viel positives Feedback von außerhalb erhalten. Ziemlich cool, dass wir unseren Mitarbeitern diese Option anbieten, so der allgemeine Tenor. Das finden wir natürlich auch. Einzig Kommunikationsthemen sind es, die unserer Meinung nach noch verbessert werden müssen. Hier haben wir bereits damit begonnen Feedback von allen Beteiligten einzusammeln und Tools aufzusetzen, welche die Kommunikation einfacher und besser machen sollen.

Unterm Strich hat sich das Experiment so gut bewährt, dass Basti schon wieder unterwegs war. In Singapur und Bali hatte er bereits sein Office auf Zeit eingerichtet (Einen interessanten Beitrag zum Arbeiten im Urlaubsparadies Bali könnt ihr euch übrigens in der Mediathek des ARD ansehen).

Wir haben’s schon wieder getan

Da Basti so gute Erfahrungen gemacht hat, wollen wir auch allen anderen Mitarbeitern die Option „Remote Work“ ermöglichen. Mittlerweile haben wir auch schon unsere Kollegin Anna für sechs Wochen in die USA und nach Mexiko verabschiedet. Die Learnings aus vorherigen Trips helfen natürlich, sich immer besser auf solche Umstände vorzubereiten. Wie auch schon bei den ersten Experimenten, haben wir auch hier die kommenden Aufgaben genau geplant, klare Tasks abgesprochen und Timeslots zur mündlichen Absprache festgelegt. Das hat einwandfrei für uns funktioniert und war somit auch kein Experiment mehr. Zu Gute kam Anna und auch uns, dass in den USA viele Universitäten kleine digitale Workspaces, die sog. Cubicles, anbieten, in denen sich viele Studenten, Freelancer und eben digitale Nomaden tummeln. Wenn Anna nicht dort war, dann eben im Diner bei lecker Burger 🙂

Digitaler-Nomade-trotz-Festanstellung_HQLabs

Das digitale Nomadendasein auf Zeit steht, unter Berücksichtigung von ein paar Rahmenbedingungen, grundsätzlich allen HQlern zur Verfügung steht. Zu diesen Bedingungen zählt beispielsweise, dass die Zusammenarbeit in den ersten Monaten aufgrund der Einarbeitung, des Kennenlernens und der Entwicklung der Eigenständigkeit in der HQ-Welt, nur in Hamburg stattfinden kann. Wichtigstes Kriterium bleibt nach wie vor das Team, dass gemeinsam entscheidet, ob ihr Kollege ohne große Einschränkungen für alle Seiten, zum Digitalen Nomaden auf Zeit werden kann.


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