Der 5-Stunden-Arbeitstag? Ein Selbstexperiment und unsere Tipps

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Es ist ein heiß diskutiertes Thema auf unseren Social Media-Kanälen. Seitdem wir über den 5-Stunden-Arbeitstag berichtet haben, wurden viele Meinungen ausgetauscht. Auch intern hat das kontroverse Arbeitsmodell für viel Gesprächsstoff gesorgt. Geht das? Das Arbeitspensum eines normalen 8-Stunden-Tages in nur fünf Stunden erledigen?

Sicher wissen, kann man das nur, wenn man es selbst ausprobiert hat, dachten wir uns und haben kurzerhand das Selbstexperiment gewagt. Unser Kollege Philipp hat seine Erfahrungen für euch in einem Tagebuch festgehalten. Doch zunächst nochmal zurück auf Anfang…

 

„Wenn du Zeit hast, deine Vorlieben auszuleben, Beziehungen zu pflegen und aktiver zu sein, hast du mehr psychische und physische Energie.“

Auf die Idee, den Arbeitstag auf acht Stunden zu verkürzen, bei gleichem Gehalt und gleichbleibenden Workload, kam Stephan Aarstol im Jahr 2015. Seine Mitarbeiter arbeiten 30 Prozent weniger bei gleicher Bezahlung. Als zusätzliche Motivation gab es einen fünf Prozent Bonus. Die Mitarbeiter von Tower Paddle Boards haben damit ihren Stundenlohn fast verdoppelt (von 20 auf 38,40 US-Dollar pro Stunde)! Was außerdem passierte? Die Umsätze des Unternehmens stiegen seit der Arbeitszeitumstellung um 40 Prozent.

 

„Studien zeigen, dass glückliche Arbeiter produktiver sind, was auch Sinn macht: Wenn du Zeit hast, deine Vorlieben auszuleben, Beziehungen zu pflegen und aktiver zu sein, hast du mehr psychische und physische Energie.“ Stephan Aarstol

 

Da fragt man sich doch, ob dieses Modell nicht für alle funktionieren kann? Klingt doch nach einem Win-Win-Projekt für alle Seiten. Selbst Forschungsergebnisse legen nahe, dass ein fünf-stündiger Arbeitstag sinnvoll ist. Aus den Forschungsergebnissen der Universität Melbourne geht beispielsweise hervor, dass 25 Stunden eine optimale Wochenarbeitszeit für Erwerbstätige über 40 Jahren sind.

 

So kann der 5-Stunden-Tag in Agenturen gelingen

 

Friede, Freude, früher Feierabend?

Auch in Deutschland gibt es mittlerweile Unternehmen, die es Stephan Aarstol gleichtun und das Kurzzeitmodell in Betracht gezogen haben. Bei der Kommunikationsagentur Rheingans Digital Enabler wird ebenfalls nur fünf Stunden pro Tag gearbeitet. Das klappt nach eigenen Angaben nur, wenn private Telefonate, lange Gespräche in der Küche oder Surfen im Internet auf den Nachmittag, sprich in die Freizeit, verschoben werden. „Die Idee ist ja: Wir kürzen alles Unnötige weg, wir sind fokussiert, wir machen Störfaktoren aus. E-Mails kontrollieren wir nur morgens und mittags, keine Notifications.“, erklärt Lasse Rheingans das Modell. Hier wird deutlich: Gleiche Arbeit in weniger Zeit bedeutet immer auch einen hohen Druck. Kann und will man mit diesem umgehen?

 

 

Ein lockeres Gespräch unter Kollegen – ist das beim 5-Stunden-Arbeitsmodell überhaupt noch drin?

 

Arbeit 4.0: Arbeite so viel wie du willst, wann du willst und wo du willst!

Das Berliner Social-Start-up Einhorn geht sogar noch einen Schritt weiter. Hier kann jeder arbeiten soviel er möchte. Das können drei Stunden, aber auch zehn sein – wie auch immer es besser zum persönlichen Lifestyle passt. „Was ist denn, wenn ich Montag acht Stunden arbeiten will und Dienstag nur drei?“, erklärt Elisa Naranjo, eine von derzeit 18 Mitarbeitern das Prinzip.

Und so kommt es, dass im Berliner Startup einige erstmal ein paar Stunden aus dem Bett arbeiten und dann später im Büro vorbeischauen. Arbeiten aus dem Ausland? Ebenfalls kein Problem. Ebenso verhält es sich mit Urlaub. Jeder kann sich so viele Urlaubstage nehmen, wie er möchte. Das führe jedoch nicht dazu, dass die Mitarbeiter deutlich mehr Urlaub in Anspruch nehmen als früher, sagt Naranjo. „Aber es hat eine unglaubliche Freiheit im Kopf ausgelöst.“

Ganz so weit wollten wir für unser Experiment dann doch nicht gehen. Für den Anfang haben wir uns für einen „klassischen“ 5-Stunden-Tag entschieden. Unseren Mitarbeiter Philipp, das Versuchskaninchen, haben wir gebeten Tagebuch zu führen und uns an seinen ehrlichen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Lest selbst!

 

Hey Philipp, willst du diese Woche mal nur bis zur Mittagspause arbeiten und danach Feierabend machen?

„Yay! Feierabend um 14 Uhr!“ – Das war meine erste, die spontane Reaktion auf die interne Entscheidung, dass wir den 5-Stunden-Tag doch selber testen sollten, wenn wir auf unserem Blog schon darüber schreiben. Dass die Wahl auf mich fiel, hat mich gefreut. Ist ja doch mal ganz nice, einfach früher aufzuhören, zumal wir in Hamburg seit Wochen super Wetter haben. Und es ist WM!

Schon wenige Minuten später wechselte diese kindliche Freude in schwer zu greifendes Unbehagen. All meine täglichen To Dos in fünf statt in acht Stunden schaffen. Kann das gut gehen? Und wenn ja, wie?

Zunächst diskutierten wir intern, wie wir das angehen wollen. Sollte ich die kommende Woche versuchen mich Schrittweise in einen 5-Stunden-Tag hinein zu optimieren. Erst sieben, dann sechs und schließlich nur noch fünf Stunden arbeiten? Oder ist es besser, nach fünf Stunden konsequent die Biege zu machen? Ganz nach dem Motto: „Servus die Wadl’n, ich pack’s!“.

Wir haben uns schließlich für die zweite Variante entschieden – nach fünf Stunden Arbeit die sieben Sachen einzusammeln und die Biege machen. Und das vier Tage lang, Montag bis Donnerstag. Darüber hinaus haben wir das Experiment natürlich intern angekündigt. Soll sich ja keiner wundern, dass ich auf einmal so früh nach Hause gehe. Jeden Tag.

Ich habe mich ehrlicherweise nicht wirklich konkret vorbereitet, sondern wollte es einfach auf mich zukommen lassen. Das Bewusstsein, alles in nur fünf Stunden abarbeiten zu müssen, verursachte dann aber doch schon irgendwie inneren Stress… Aber na gut, was soll’s. Auf in‘s Abenteuer!

 

„Das Bewusstsein, alles in nur fünf Stunden abarbeiten zu müssen, verursachte dann aber doch schon irgendwie inneren Stress…“

 

Ohne die richtigen Tools geht gar nichts. Vor allem nicht, wenn man die Arbeitszeit bei gleichem Workload um fast die Hälfte kürzt.

 

Montag, 25. Juni, Tag 1: Die Spannung steigt!

8:48: Zu Lieblingsmüsli und Kaffee den Daily Digest an Branchenartikeln snacken und recurring Tasks erledigen, die ohne Keyboard gehen.

9:12: Mist schon 9:12. Ok, einen Kaffee noch.

9:46: Mein erster Task ist abgehakt. Cool, das wird gut! Brauche aber schnell was zu trinken.

9:52: Echt jetzt? Acht Minuten, um ein Wasser zu holen? Wieso müssen die Kollegen auch über Fußball sprechen, Uruguay gegen Russland heute Nachmittag. Hab da ja auch meine Meinung zu…

10:33: Puh, wieder ein To Do erledigt. Was ist denn in unserem Teamchat los? Kaffeechen? Kaffeechen!

11:10: Task drei, check! Kurz mal die Füße vertreten.

11:59: Ohje, in weniger als zwei Stunden sollte ich fertig sein mit allem. Leichte Panik stellt sich ein.

13:21: Hunger!

13:57: Miiist, ich muss meine E-Mails noch machen.

14:13: Okay, bisschen zu lange gebraucht. Fertig ist auch nicht alles. Bin erschöpft, müde, hungrig, unzufrieden und habe ein schlechtes Gewissen meine Kollegen*innen im Office sitzen zu lassen.

 

Dienstag, 26 Juni, Tag 2: Heute wird alles besser!

8:23, U-Bahn: Heute wird alles besser! Tag planen, Liste schreiben (ja, so händisch und so), was schiefgelaufen ist.

9:10: Endlich da. Heute kein Frühstück am Schreibtisch. Direkt E-Mails beantworte und Zeiterfassung an.

9:24: So, jetzt alle Notifications aus für die nächsten vier Stunden. Käffchen? Ja, Käffchen!

10:07: Okay, die ersten Sachen abgearbeitet, zähe Nummer heute.

11:02: Was? Wie? Sorry, ich kann grad nicht.

11:07: Hunger. Durst. Müde.

11:57: Was ist denn bitte heute mit mir los? Kopf an, Philipp!

12:31: Ei-Ei-Ei….

13:03: Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Ich brauche paar Minuten frische Luft, Kopf abschalten und auf andere Gedanken kommen.

14:53: Ich geh jetzt, hab’s eh schon ziemlich übertrieben. Bin total kaputt, habe Kopfschmerzen, bin frustriert. So geht’s nicht weiter.

 

Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben… Ist das wirklich so?

 

Mittwoch, 27. Juni, Tag 3: Es wird!

09:30: Laptop an, Notifications aus, Task-Liste des Tages hervorkramen, los!

09:58: Erstes To Do, erledigt!

10:21: Zweites To Do, erledigt! Jetzt ein Käffchen.

11:43: Drittes To Do, erledigt! Cool, es geht vorwärts!

12:12: To Do vier? Abgehakt! Kurz mal die Füße vertreten…

13:01: Nein, Philipp! Kein Essen jetzt! Nicht mal was Kleines!

14:30: Okay, immerhin pünktlich aus dem Office. Deutschland gucken. 🙂

 

Donnerstag, 28. Juni, Tag 4: Ein letztes Mal.

06:23, U-Bahn: Aufgaben strukturieren, im Kopf alles durchplanen.

06:57: So, packen wir’s an! Ich bin motiviert! Notifications aus, Liste hingelegt, Zeiterfassung an.

07:23: Mega diese Ruhe in der HafenCity um diese Uhrzeit.

07:58: Ok, schnell einen Kaffee holen.

08:20: Nein, den ersten Kollegen nicht mitteilen, dass man hinten sitzt, im ruhigsten Eck des Büros…

10:03: E-Mails checken, guter Zeitpunkt. Notifications im Team-Chat wieder an. Nichts wildes passiert, fein. Wieder aus.

10:42: Heute flutscht’s!

12:00: Feierabend. Herrlich.

 

Arbeiten in der Agentur im Zeitalter der Generation Z

 

„Ich war definitiv ausgelaugt in der ersten Zeit.“

Zu allererst: So ein Spaß, wie alle glauben, ist es nicht. Das gleiche Pensum in weniger Stunden zu erledigen ist machbar, aber ganz schön stressig. Unter dem Strich muss man aber zugeben, dass das Leben erheblich besser wird. Klar, man muss sich Stück für Stück hineinoptimieren in das Modell. Sicherlich reichen vier Tage kaum aus, um alle Angewohnheiten oder Rhythmen so radikal aufzubrechen. Und für ein endgültiges Fazit müssten alle mitziehen. Für einen deutlichen längeren Zeitraum.

 

„Vier Tage reichen kaum aus, um alle Angewohnheiten oder Rhythmen radikal aufzubrechen. Und für ein endgültiges Fazit müssten alle mitzeihen. Für einen deutlichen längeren Zeitraum.“

 

Was ich zugeben muss: Ich war definitiv ausgelaugt in der ersten Zeit. Langfristig könnte ich nur schwer in einem Großraumbüro, in dem viele Leute telefonieren oder reden, so effizient arbeiten. Das wiederum hat mir gezeigt, dass ich durch das Experiment sehr viel in sehr kurzes Zeit über meine eigene Arbeitsweise und auch über gewisse Unarten gelernt habe. Zum Beispiel kann ich nun Zeiten viel besser abschätzen. Ultimativer Hack war für mich schon sehr früh anzufangen. Dass ich so früh schon so produktiv sein kann, wusste ich bislang gar nicht.

 

„Durch das Experiment habe ich sehr viel in sehr kurzes Zeit über meine eigene Arbeitsweise gelernt.“

 

Ich fand’s hart. Aber ehrlich super. Danke an meinen Chef und meine Kollegen, dass ich es probiere durfte! Abschließend möchte ich euch noch vier Tipps mit auf den Weg geben, die euch helfen können, wenn ihr das Modell auch in Betracht zieht.

 

Vier Tipps von Philipp, damit der 5-Stunden-Tag funktioniert

 1. Langsam in das Modell hineinfinden

Die Hau-Ruck-Methode war rückblickend nicht die beste Option, um in das neue Arbeitsmodell hinein zu finden. Allerdings hatte ich auch nur eine Woche, um den 5-Stunden-Tag zu testen. Wer seine Arbeitszeit verkürzen möchte, sollte sich lieber schrittweise an die neue Arbeitsweise gewöhnen – erst sieben Stunden arbeiten, dann sechs und schließlich fünf. Alles andere führt zu unnötigem Stress.

2. Früh morgens anfangen zu arbeiten

Dass ich morgens am produktivsten bin, habe ich erst durch das Experiment herausgefunden. Ein bis zwei Stunden vor den meisten Kollegen anfangen zu arbeiten, hat sich für mich als ultimativer Hack erwiesen. Die frühen Morgenstunden sind bestimmt nicht für jeden die perfekte Arbeitszeit. Dennoch könnt ihr durch ausprobieren relativ schnell für euch herausfinden zu welcher Tageszeit ihr am Meisten schafft.

3. Produktivitätstools nutzen

Ohne die richtigen Tools geht gar nichts! Das habe ich während des Experiments mehr denn je gemerkt. Auch hier müsst ihr für euch selbst herausfinden, welche Software am besten funktioniert und welches Programm euch am Ende tatsächlich die größte Arbeitserleichterung bringt. Ich habe ein gutes Projektmanagementtool mehr denn je zu schätzen gelernt.

4. Lieber flexibel arbeiten, als fünf Stunden am Stück

Ich habe in der letzten Woche gemerkt, dass ich lieber flexibel oder einen Tag weniger arbeite, als fünf Stunden hoch konzentriert am Stück. Die Freiheit, die Arbeitszeit zu verkürzen, ist großartig. Und tatsächlich ist es machbar: Man kann die gleiche Arbeit in kürzerer Zeit schaffen. Die festen Arbeitszeiten von morgens bis mittags haben bei mir allerdings zu unnötigem Stress und hohem Druck geführt. Meine gewonnene Zeit konnte ich gar nicht richtig genießen. Schöner fände ich die Möglichkeit fünf Stunden flexibel über den Tag zu verteilen oder einen Tag weniger zu arbeiten.


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