Digitaler Nomade auf Probe: Zwei Wochen Urlaub in Phuket, zwei ganz normale Arbeitswochen?

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Ein digitaler Nomade ist per Definition jemand, der ortunabhängig bzw. an den unterschiedlichsten Orten arbeitet und für seine Arbeit fast ausschließlich digitale Technologien nutzt. Digitale Nomaden sind also diejenigen, die mit ihrem Mac Book in hippen Cafés sitzen und dabei Matcha Latte schlürfen. Oder solche, die von dort aus arbeiten, wo andere Urlaub machen. Den Strand vor der Nase, das Surfbrett in der Pause griffbereit. Klingt paradiesisch und irgendwie nicht nach richtiger Arbeit. Oder wie ist das?

Am besten kann man das beantworten, wenn man es selbst ausprobiert. Das haben wir uns auch gedacht und unseren Mitarbeiter Sebastian Rösch in den Süden Thailands geschickt (bzw. ziehen lassen). Zum Arbeiten und zum Urlaub machen.
Dass sich das Arbeiten im Zeitalter der Generation Z verändert, haben wir ja schon hier beschrieben. Jetzt wollen wir euch zeigen, was das für die Praxis bedeuten könnte.

 

Zwei Wochen digitaler Nomade auf Probe in Phuket

Sebastian ist Software Architekt bei HQLabs und reist sowieso gerne. Vor ein paar Monaten keimte dann die Idee auf, das Arbeiten mit dem Reisen zu verbinden. Erst einmal auf Probe, für zwei Wochen im Süden Thailands.

Als Web-Entwickler ist Sebastian an keine besonderen Büro-Bedürfnisse gebunden. Alles, was er braucht, sind ein funktionierender PC und (die meiste Zeit) eine stabile Internetleitung. „Die Annehmlichkeiten im Büro – einen besonderen Bürostuhl oder zwei, drei Monitore – das brauche ich nicht“, erklärt er uns in einem Gespräch und zeigt damit direkt einen wichtigen Unterschied auf. Denn für den Genuss, von dort aus arbeiten zu können, wo andere Urlaub machen, gibt man auch die Bequemlichkeit eines eigenen Büros auf. Und dazu gehört, neben dem Equipment, eben auch eine zuverlässige Internetverbindung.

 

 

Ohne Internet keine Arbeit: Coworking Space statt Strand

Stabiles Internet zu finden war das größte und eigentlich auch das einzige Problem, auf das Basti während seiner Zeit als digitaler Nomade gestoßen ist. Die Internetverbindung in den Hostels und Hotels ist oft unzuverlässig, sodass er auf Arbeitsplätze in Coworking Spaces zurückgegriffen hat (Einen Einblick in diese „öffentlichen Büroräume“ könnt ihr hier, hier oder hier gewinnen).

„Man richtet sich darauf ein, wann man Internet hat. Wenn man z.B. vier Stunden auf einer Fähre ist, macht man dann Arbeiten für die kein Internet notwendig ist. Man wird flexibler.“

Insgesamt hat Sebastian ungefähr soviel gearbeitet, wie sonst auch. Mit dem Unterschied, dass sich seine Arbeitszeit anders aufgeteilt hat. Meist hat er sich um acht Uhr vor den PC gesetzt (Frühaufsteher…). Um die Mittagszeit hat er dann eine längere Pause eingelegt. Oft war er dann am Strand und hat sich mit anderen Reisenden und digitalen Nomaden getroffen. In den Abendstunden, wenn durch die Zeitverschiebung die Hauptarbeitszeit in Deutschland beginnt, hat er sich wieder längere Zeit hinter den Laptop geklemmt. Wenn er einen ganz Tag genutzt hat, um von einer Insel zu nächsten zu reisen, hat er die Arbeitszeit am Wochenende nachgeholt. „Wochenende und Werktag verschwimmen“, so Sebastian. Digitale Nomaden sind also nicht nur orts- sondern auch größtenteils zeitunabhängig.

 

Der Cocktail neben dem Laptop

Der schönste Part des digitalen Nomadentums? Sebastian muss auf diese Frage nicht lange nach einer Antwort suchen:

„Man arbeitet tatsächlich an den Orten, an denen andere Urlaub machen. Der Büroalltag ist dagegen trist und grau“.

Und so kommt es auch vor, dass der Pina Colada neben dem Laptop steht während man einen traumhaften Ausblick genießt. Aber eben nicht jeden Tag. Die Arbeit in einem Coworking Space ist der im heimischen Büro in dieser Hinsicht recht ähnlich.

 

 

Eine bunte Community der arbeitenden Weltenbummler

Hingegen trifft man unterwegs dann doch deutlich häufiger auf inspirierende Menschen. Auf solche, die schon jahrelang ortsunabhängig arbeiten. Sebastian hat schnell Anschluss in der Community gefunden. „Anschluss zu finden, sich auszutauschen, das ist wirklich einfach“, meint er. Man trifft viele Backpacker, die allein unterwegs sind. Auf andere Leute in Coworking Spaces, die aus aller Welt kommen und deren Kunden überall auf der Welt verteilt sind.

Tatsächlich sind es vor allem Freelancer und Unternehmer – seltener Angestellte – die unabhängig von einem festen Ort ihrer Arbeit nachgehen. Vor allem Programmierer, Webdesigner oder SEO-Spezialisten. Eben solche, die ihre Klienten hauptsächlich online bedienen können und außer ihrem PC und einer Internetverbindung weiter nichts benötigen.
Auch eine kleine Familie hat Sebastian während seiner Reise kennen gelernt. Mama und Papa mit dem einjährigen Kind im Schlepptau. Vor allem seien es Jüngere, die Reisen und Arbeiten verbinden, so Bastis Eindruck. Trotzdem hat er unterwegs auch Leute jenseits der 50 Jahre getroffen. Menschen, die nochmal weg und etwas ganz anderes ausprobieren wollen.

 

Ohne ein gutes Team ist so ein Experiment nicht möglich

Neben all den Vorteilen, den interessanten Menschen, den traumhaften Orten, stellt sich dann doch die Frage, ob es tatsächlich so einfach ist, aus der Ferne zu arbeiten? Für Sebastian steht fest, dass es ohne die Bereitschaft seiner Kollegen niemals möglich gewesen wäre, diese Erfahrung zu machen.

„Das ganze Team muss bereit sein, dich trotzdem als Teil des Teams zu akzeptieren.“

Und dazu gehört in erster Linie die Umstellung der Kommunikationswege. Die Kommunikation miteinander sei, neben der Tatsache, dass man physisch nicht anwesend ist, das einzige, was sich ändert. Die Werkzeuge mit denen gearbeitet wird, sind immer noch die selben, erklärt er. Das Pläuschchen vor der Kaffeemaschine oder eine kurze Absprache quer durch das Großraumbüro hingegen entfallen.

Einige Tools, die wir ohnehin jeden Tag (auch im ganz normalen Großraumbüro) nutzen, haben Sebastians Arbeit in der Ferne enorm erleichtert. So greifen wir für die Bürokommunikation u.a. auch auf Slack zurück. Ein Tool, das sich super eignet, um mit dem Team in Kontakt zu bleiben. Natürlich auch, um die Kollegen zwischendurch mit ein paar Strandbildern neidisch zu machen…
Darüber hinaus nutzen wir Confluence, als Wissensdatenbank, sowie BitBucket und JIRA für die Entwicklungsplanung und (Überraschung…) das HQ für die Planung und Durchführung unserer Projekte. Das Experiment „Digitaler Nomade auf Probe“ hat gezeigt, dass es sich auszahlt, die Arbeit mit solchen Tools voranzutreiben und im Alltagsgeschäft zu etablieren. Sebastian konnte vor allem deshalb so gut im Ausland arbeiten, weil es für uns mittlerweile selbstverständlich ist, diese Werkzeuge zu nutzen.

Im Startup sei es einfacher, diese moderne Form des Arbeitens zu ermöglichen, findet Basti. Die Hierarchien sind flacher, der Zugriff auf die IT-Infrastruktur ist zumeist einfacher. In großen Unternehmen gestaltet es sich dann doch schwieriger von überall auf alles zugreifen zu können.

 

 

„Die Erwartungshaltung, dass man für alles ein Meeting braucht, muss sich ändern.“

Hier zeigen sich die Grenzen des digitalen Nomadendaseins. Ortsunabhängigkeit generell ist eben unmittelbar mit einer ortsunabhängigen IT-Infrastruktur verknüpft. Ein Zugang zu den wichtigsten Daten muss jederzeit möglich sein. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb vor allem Selbstständige und Freelancer während ihrer Arbeitszeit durch die Gegend reisen (können).

Auch wenn die zunehmende Entwicklung von Cloud Technologien und mobilen Endgeräten einen klaren Trend in Richtung mobile Arbeitsplätze aufzeigt, sieht die Realität meist anders aus. Eine Studie zeigt, dass über 80 Prozent der DACH-Unternehmen heute noch zentral orientiert sind. Nur knapp sieben Prozent der befragten Unternehmen rechnen damit, dass die Anzahl der mobilen Arbeitsplätze stark zunehmen werde.

Hinzu kommt die Meeting-Kultur, die in vielen Unternehmen zelebriert wird. „Die Erwartungshaltung, dass man für alles ein Meeting braucht, muss sich ändern“, sagt Sebastian. Schon allein aufgrund der Zeitverschiebung ist es eben nicht immer möglich an jedem Meeting teilzunehmen, wenn man vom anderen Ende der Welt arbeitet.

 

Wie identifiziert man sich mit einem Unternehmen, wenn es physisch keine Berührungspunkte gibt?

Und auch die Identifikation mit dem Unternehmen ist eine andere, wenn man de facto nicht anwesend ist. Vor allem die Teamzugehörigkeit leidet. Eine Schattenseite des ortsunabhängigen Arbeitens.
Im Gegensatz dazu erklärt man viel häufiger was und für wen man eigentlich arbeitet. Sebastian hat unser Unternehmen ständig vorgestellt. Schließlich ist er auf viele Backpacker, Freelancer oder Startup-Gründer getroffen, die unbedingt wissen wollten, was ihn nach Phuket getrieben hat.

„Man ist ständig am pitchen. Auf einmal ist man sich viel bewusster, was man so macht.“

 

 

Und wie finanziert man eigentlich so eine „Arbeitsreise“?

Das man zunächst viel mehr Geld ausgibt, als im Hamburger Arbeitsalltag, ist noch so eine Erfahrung, die Sebastian erst im Laufe seiner Reise gemacht hat. „Man muss sich von dem Gedanken lösen, dass zu machen, was andere Touristen machen. Man ist zum Arbeiten da“, hält er abschließend fest. Schnorchel-Ausflüge und teure Hotels mit großem Pool können schnell ein Loch in das Budget reißen. Vor allem, wenn man zuhause noch laufende Fixkosten hat.

Digitale Nomaden, die sich dauerhaft auf Reisen befinden, haben jedoch meist keinen festen Wohnsitz und damit auch keine steten Mietkosten. Im Laufe der Zeit lernt man sich anzupassen und weiß, wo man günstig wohnen und essen kann. Vom Touri zum Local sozusagen.

 

 

Ein Experiment mit Zukunftspotenzial

Das Leben als digitaler Nomade ist für Sebastian die perfekte Kombi:

„Ich konnte viel sehen, erleben und trotzdem an den Dingen arbeiten, die mir Spaß machen.“

Auch persönlich hat ihn die Reise weiter gebracht. Die Herausforderung mit ständig anderen Leuten in Kontakt zu treten, war viel einfacher als gedacht.
Beruflich hat er gelernt strukturierter und disziplinierter zu arbeiten.

„Die Ergebnisse müssen trotzdem kommen. Sonst wäre es ja einfach nur Urlaub.“

Für Sebastian ist das Experiment geglückt. Sein Fazit fällt durchweg positiv aus. Er kann sich gut vorstellen, dass aus dem Experiment in Zukunft eine dauerhafte Lösung wird. Die Orte an denen er dann arbeitet, sollen zu einem Zuhause auf Zeit werden, sodass sich eine Art von Alltag entwickeln kann. So etwas ist in zwei Wochen natürlich kaum umsetzbar.

 

Im einem unserer nächsten Artikel lassen wir dann unsere Geschäftsführer zu Wort kommen. Wie haben die Arbeitgeber das Experiment wahrgenommen? Fällt ihr Fazit ähnlich positiv aus und welche Schlüsse ziehen sie für die Zukunft? Seid gespannt, die Antworten gibt es bald hier auf der GlasQgel zu lesen!

 


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Es gibt schon 3 Kommentare

  • Nikolas

    Cooler Bericht!

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  • Wolfgang

    Das hat mich jetzt „etwas“ angefixt! 😉

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  • Jannik

    Schöner Bericht, ich werde spätestens nächstes Jahr auch ein etwas längeres Experiment starten. Dieses Jahr müssen 10 Tage Gran Canaria und eventuell nochmal ein paar Tage Spanien im Sommer ausreichen 🙂

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